Leseprobe Mind Ripper Seite 10

 

»Irgendwann wurde plötzlich alles schwarz und ich dachte, mein Avatar ist tot und ich bin aus dem Spiel geflogen. Ich hab damit gerechnet, dass das Programm mir sagt, dass ich leider gestorben bin und mich vielleicht zu Old Marley zurückschickt. Stattdessen haben sie erst mal noch so was wie eine außerkörperliche Erfahrung ins Spiel eingebaut. Ich hab mich und euch plötzlich aus der Vogelperspektive gesehen. Wie bei den PC- und Konsolenspielen, bei denen man seine Figur mit Maus, Tastatur oder irgendwelchen Kontrollern steuert. Nur konnte ich halt nichts mehr steuern. Ich konnte euch nur zusehen und hören, wie ihr um mich gekämpft habt.« Er schwieg einen Moment. »Das war ganz schön schräg.«

»Ich fand's eher schrecklich.« Jamie vermied es, ihn anzusehen. Er schob seinen Teller fort und zog den Saftkanister zu sich.

»Hey.« Zack legte seinen Arm um Jamies schmale Schultern und zog ihn an sich. »Selbst wenn ich gestorben wäre, wär mir doch nichts passiert. Es ist nur ein Spiel.«

Vergeblich machte Jamie sich am Verschluss zu schaffen. »Ich weiß! Es hat sich aber trotzdem verdammt echt angefühlt!« Wütend schlug er gegen den Kanister. Er bekam das Scheißding nicht auf. Er hatte heute einfach nicht genug Kraft.

Zack seufzte innerlich und strich ihm sanft über die Hände. »Wieder kein guter Tag?« Er drehte den Kanister auf, goss ein Glas ein und schob es Jamie hin.

»Nein.«

»Das wird schon wieder.« Aufmunternd legte Zack wieder seinen Arm um ihn.

Die Türglocke bimmelte und Jemma sprang von ihrem Hocker. »Ich geh schon, Max, das ist sicher Charlie.«

»In der Tat«, bestätigte Max, der gerade ein Tablett mit einer dampfenden Teetasse und einem Sandwich belud, um beides ins Wohnzimmer zu bringen. »Ich wusste gar nicht, dass du jetzt auch mit unserer Überwachungskamera verlinkt bist.«

Jemma musste lachen. »Bin ich nicht. Ich hab einfach nur einen guten Draht zu meiner besten Freundin!«

 

 

»Hi Süße! Himmel, wie siehst du denn aus? In diesen Schlabberklamotten solltest du echt nicht an die Tür gehen!« Hastig schob Charlie sich mit einer riesigen Reisetasche an Jemma vorbei und schloss die Tür so schnell wieder, dass man wirklich den Eindruck bekommen konnte, sie wollte nicht riskieren, dass irgendwer ihre Freundin in ihrer momentanen Aufmachung zu Gesicht bekam. »Man weiß doch schließlich nie, wer davorsteht! Könnte ja mal ein echt heißer Lieferjunge sein!« Sie warf ihr einen vielsagenden Blick zu.

Grinsend schüttelte Jemma den Kopf. »Wenn's ein heißer Lieferjunge gewesen wäre, hätte Max mir Bescheid gesagt.«

»Und was hast du mit deinen Haaren gemacht?« Charlie griff in Jemmas feuchte Mähne und rümpfte missbilligend die Nase.

»Sie gewaschen?«

»Na, das ist zumindest schon mal ein Anfang. Damit kann ich arbeiten. Allerdings müssen wir uns gleich daransetzen, sonst wird es unmöglich, da noch was Gescheites rauszuholen!« Charlie rauschte durch den kurzen Flur in Richtung Küche. »Das McAllister's wird heute mit Sicherheit gerammelt voll sein. Wer weiß, wem man da so begegnen kann!« Verschwörerisch zwinkerte sie Jemma zu.

Die grinste und folgte ihr in den Küchenbereich. Obwohl sie so verschieden waren wie Tag und Nacht, waren Charlie und sie schon seit dem Kindergarten die besten Freundinnen. Jemma war eher ruhig, zurückhaltend und manchmal ein bisschen zu ernst. Charlie dagegen stürmte meist drauflos und nahm vieles locker. Auch äußerlich waren die beiden grundverschieden. Während Charlie dunkelhäutig war, mit schulterlangen schwarzen Locken, braunen Knopfaugen und einer recht kurvigen Figur, war Jemma klein, schmal, hellblond und wurde zu ihrem Bedauern nicht mal im Sommer richtig braun.

»Hi Jungs! Hi Max! Hallo Mr B!«

Robert Bennett saß noch immer mit seinen Unterlagen in der Sofaecke, sah aber lächelnd von seiner Arbeit auf, als Charlie hereingewirbelt kam.

»Hallo Charlie. Ich hab gehört, du hast heute Abend deinen großen Auftritt bei der Talentshow?«

Sie grinste. »Yep, ich werd die Bude ziemlich rocken!«

»Daran hab ich nicht den geringsten Zweifel.«

Charlie ließ ihre Tasche mitten in die offene Küche fallen, schwang sich auf einen der Barhocker und betrachtete begeistert das Tablett.

»Oh, Sandwiches!« Sie schnappte sich eins, biss hinein und verdrehte verzückt die Augen. »Max, die sind 'ne Wucht!«

»Vielen Dank. Es freut mich immer, wenn es euch schmeckt.«

Jamie musste grinsen, als er sah, wie Charlie völlig ausgehungert das Sandwich verschlang. »Dafür, dass dein Dad Leiter eines Großmarkts ist, scheinst du zu Hause nicht viel zu essen zu bekommen.«