Leseprobe Mind Ripper Seite 5

 

»Tut mir leid«, murmelte Sam zerknirscht. »Aber du wolltest, dass ich meinen mächtigsten Zauber auf den Drachen abfeuere. Und das ist nun mal mein Feuerzauber! Ich hab überhaupt nicht daran gedacht, dass das Biest ihn vielleicht schlucken und gegen uns verwenden könnte.«

»Magier!«, grummelte Zack, doch er musste grinsen und es war klar, dass er Sam nicht wirklich böse war. »Mit euren Special Effects macht ihr nur Ärger!«

Empört wollte Sam etwas erwidern, doch Jemma kam ihm zuvor. »Sei nicht ungerecht, Zack. Mit seinem Eisblitzhagel hat Sam schließlich alles wiedergutgemacht und das Biest besiegt.«

Sam warf ihr einen dankbaren Blick zu. »Na ja, deine Schwerthiebe in sein Herz dürften ihm auch nicht besonders gutgetan haben.«

Sie grinste. »Ziemlich cooles Teamwork also, oder?« Sie hob die Hand für ein High-Five und er schlug ein.

Ein wenig steif richtete Zack sich auf und fasste nach Jamies Händen. »Hey, hör auf, mich zu heilen, sonst bist du gleich schwächer als ich.« Er hob seinen Arm mit der hellroten Armschelle und deutete dann auf Jamies, die mittlerweile fast die gleiche Farbe angenommen hatten. »Das Spiel ist vorbei. Mir passiert jetzt nichts mehr und ich regeneriere mich schon selbst.«

Erschöpft ließ Jamie seine Hände sinken und nickte. Auch seine Bewegungen waren steif und schwerfällig.

»So ganz vorbei ist das Spiel noch nicht.« Sam ging zu dem toten Drachen hinüber und ließ bedauernd eine Hand über den schuppigen Hals der Kreatur gleiten. Er mochte Drachen wirklich. Warum mussten sie nur immer wieder als die Bösen herhalten? Seufzend legte er seinen Zeigefinger auf die Kette des Amuletts.

»Aperire!«

Die Kette zersprang und er nahm den Questgegenstand an sich. Der Körper des Drachen begann zu glitzern. Die rote Schuppenhaut löste sich auf und wirbelte in kleinen flirrenden Partikeln in den blauen Himmel bis nur noch das Drachenskelett übrig blieb. Doch auch das funkelte nur noch einmal kurz, bevor es zu Staub zerfiel.

Ihr Endgegner war verschwunden.

Sam kehrte zu den anderen zurück. »Das war's dann wohl.«

Jemma nickte. »Lasst uns das Amulett zu Old Marley bringen.«

Wie immer fühlte sie leichte Melancholie, wenn sich ein Spiel unweigerlich dem Ende näherte. Sie stand auf und zog Jamie auf die Beine. Er schwankte einen Moment, hatte aber schon wieder genug Energie, um Zack beim Aufstehen zu helfen. Der legte seinen Arm um Jamies Schultern und stützte sich auf ihn.

»Nehmen wir die Teleportringe? So nett die Landschaft hier auch ist, im Moment steht mir der Sinn nicht so sehr nach einer elend langen Wanderung zurück zum Dorf.«

»Teleportieren ist schon okay.« Jemma hasste zwar diese Art der Fortbewegung, aber es war nicht zu leugnen, dass sie ungemein praktisch war, daher hob sie ihre linke Hand. Wie die drei Jungen trug sie dort am Ringfinger einen Silberring mit rotem Rubin.

»Old Marleys Hütte!«, sagte sie laut und drehte den Ring dreimal um ihren Finger. Die Welt um sie herum löste sich auf und sie wurde in einen Strudel aus Farben gezogen, doch obwohl sie schon zigmal teleportiert war, konnte sie sich an das Gefühl nur schwer gewöhnen und sie schloss die Augen, damit ihr von den wirbelnden Farben nicht schwindelig und übel wurde.

»Wir sind da.«

Erleichtert öffnete sie die Augen, als sie Jamies Hand auf ihrer Schulter spürte.

Sie befanden sich in einem einfachen Holzhaus, das einem alten Krämerladen glich. An den Wänden standen Regale, die bis in die kleinste Ecke vollgestopft waren mit altertümlichen Schachteln, Dosen, Kisten, bauchigen Flaschen und Einmachgläsern und hinter einem Verkaufstresen stand ein alter Mann in einer schlichten weißen Kutte. Langes graues Haar und ein ebensolcher Bart verbargen den größten Teil seines runzligen Gesichts, doch seine Augen strahlten wohlwollend, als er ihnen entgegenlächelte.

»Wie wunderbar! Meine Helden sind auch von ihrer letzten Quest vollzählig zurückgekehrt!«, spulte der Alte seinen Text ab. »Darf ich hoffen, das bedeutet, ihr wart erfolgreich und habt mein Dorf von dem schrecklichen Untier befreit, das in den Höhlen nördlich von hier haust?«

»Ja, wir haben deinen Auftrag erledigt«, antwortete Zack.

So wie all die anderen Aufträge auch, dachte Jemma.

Unter anderem hatten sie das Dorf von einem gierigen Wolfsrudel befreit, das die Schafherden stark dezimiert hatte, hatten Wunschbeeren im giftigen Sumpf gesammelt und Getreidefelder von strandballgroßen Parasitenkäfern gereinigt. Letzteres war eines von Jemmas persönlichen Highlights gewesen, da die widerlichen Krabbelviecher erschreckende Ähnlichkeit mit Spinnen gehabt hatten und Spinnen konnte sie nicht ausstehen. Aber sie hatten die Quest geschafft, und jetzt, am Ende des Spiels, dachte sie fast ein wenig wehmütig daran zurück.

»Dann habt ihr sicher auch das Amulett dabei als Zeichen eures Sieges?«, holte Old Marley sie aus ihren Erinnerungen.

»Haben wir.« Sam legte das Schmuckstück, das er dem Drachen abgenommen hatte, vor ihrem Questmaster auf den Tresen.