Leseprobe Mind Ripper Seite 7

 

Kapitel 2

Jemma löste die Kontakte von ihren Schläfen und setzte die CyberSpecs ab. In Gedanken noch halb in der virtuellen Welt von Shirewood brauchte sie einen Moment, um sich wieder an die Wirklichkeit ihres Zimmers zu gewöhnen. Müde rieb sie sich über die Augen und massierte kurz ihre Nackenmuskeln. Wie immer, wenn sie Stunden in der CyberWorld verbracht hatte, fühlte sie sich bleischwer, steif vom reglosen Liegen auf ihrem Bett und gleichzeitig so ausgepowert, als hätte sie einen stundenlangen Marathonlauf hinter sich.

Oder einen Kampf auf Leben und Tod gegen einen Cyberdrachen.

Sie musste grinsen und merkte, dass ihre Kehle völlig ausgedorrt war, doch gerade als sie nach der Sodaflasche auf ihrem Nachttisch greifen wollte, polterte etwas im Nebenzimmer.

»Jamie?« Hastig sprang sie auf, sprintete durch das Badezimmer, das sie sich mit ihrem Bruder teilte, und riss die Verbindungstür auf. »Alles klar?«

Jamie saß auf seiner Bettkante und hielt seine linke Hand, die sich zusammengekrümmt hatte. Eine Wasserflasche lag vor seinen Füßen.

»Nur ein Krampf«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Komm, ich mach das.« Jemma schob seine Krücken zur Seite, hockte sich neben ihn aufs Bett und begann vorsichtig seine Hand zu massieren, um die Verkrampfung zu lösen.

»Willkommen zurück in der Realität.« Missmutig ließ Jamie sich auf seinem Bett zurücksinken und starrte an die Zimmerdecke.

»Wieder kein guter Tag heute, hm?«

Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der rechten Hand über die Augen, während Jemma seine linke weiter lockerte.

»Ich wollte nur was trinken.« Unwirsch versuchte er nach der Flasche zu treten. »Ich hab das blöde Ding nicht mal aufgekriegt.«

Vorsichtig bewegte er die Finger seiner linken Hand. Es tat weh und sie waren noch immer ziemlich steif, doch der Krampf hatte sich gelöst und er zog seine Hand zurück. Mühsam setzte er sich wieder auf, während Jemma ihm die Wasserflasche öffnete.

Er verzog das Gesicht. »Danke.«

»Kein Thema.«

Es klopfte an der Tür.

»Herein!«

»Jamie, ist alles in Ordnung? Ich habe ungewöhnliche Aktivitäten aus deinem Zimmer vernommen.«

»Schon gut, Max. Die ungewöhnliche Aktivität war nur meine Wasserflasche, die runtergefallen ist.« Jamie wandte sich zu ihrem Hightechhausmann um. »Hast dir aber reichlich Zeit gelassen, um nach mir zu sehen. Wirst du langsam alt und schaffst die Treppen nicht mehr so schnell?«

Max lächelte und wenn man nicht wusste, dass er ein hochmoderner Roboter war, hätte man ihn für einen ganz normalen vierzigjährigen Mann halten können. »Sicher nicht. Meine Berechnungen nach dem Aufprall hatten ergeben, dass es nicht dein Körper gewesen sein konnte, der gefallen ist, und meine Wärmesensoren haben mir angezeigt, dass deine Schwester nur zwei Sekunden nach dem Vorfall bereits zu dir unterwegs war.« Sein Blick richtete sich anerkennend auf Jemma. »Ausgezeichnete Reaktionszeit, meine Liebe.«

Jemma grinste. »Danke!«

Mit einem Lächeln wandte Max sich wieder an Jamie. »Du siehst also, dass ich erst jetzt hier erscheine, hat nichts mit mangelnder Fitness oder gar einer Vernachlässigung meiner Sorgfaltspflicht dir gegenüber zu tun. Dir konnte nichts Ernstes passiert sein und ich wusste dich in besten Händen.«

Jemmas Grinsen wurde noch ein bisschen breiter und sie knuffte ihrem Bruder in die Seite. »Wow, jetzt hat er's dir aber gegeben!«

Jamie schüttelte den Kopf, musste aber ebenfalls grinsen. »Warum bist du dann überhaupt hier, Max?«

»Es ist drei Uhr durch und ihr hattet noch kein Mittagessen. Ihr müsst hungrig sein und ich wollte fragen, was ihr essen wollt. Außerdem wollte ich dir die Treppen hinunterhelfen. Dein Körperscan zeigt mir, dass du heute keinen guten Tag hast. Deine Muskeln sind zu verkrampft und dir fehlt die Kraft, zu laufen. Um einen Sturz zu vermeiden, solltest du für den Rest des Tages auf die Krücken verzichten und deinen Rollstuhl nehmen.«

Das Grinsen verschwand aus Jamies Gesicht. »Wie gut, dass du mir immer ganz genau sagen kannst, wie ich mich fühle«, knurrte er. »Aber ich kann selbst beurteilen, was ich hinkriege und was nicht, danke!«

»Natürlich kannst du das. Aber du neigst zu falschem Stolz und zu viel Ehrgeiz und ich möchte nur entgegenwirken, dass du dich überanstrengst oder gar verletzt.«